Retromoderne, Tag 61

Vom Frühstückstisch aus hat meinen Panoramablick aus dem Fenster. Direkt vor dem Wohnhaus, in dem wir uns befinden, wird gerade ein weiteres Wohnhaus gebaut, nach bolivianischer Bauart.

In dieser Bauvariante sind keine Kräne oder sonstige größere Maschinen (Zementmischer ausgenommen beteiligt). An den Stellen, wo die späteren Zementpfähle stehen, werden zunächst Stahlstangen gezogen, die anschließend mit Holzplatten verkleidet und zum Schluss mit Zement aufgefüllt werden. Die Verfahrensweise, um eine plane Ebene zu bauen, ist ähnlich. Ist der Zement getrocknet, werden die Holzplatten entfernt. Ein zwölfstöckiges Haus zu bauen, kann dann auch schon mal ein paar Monate dauern. Die Arbeiter schaukeln dabei gerne mal ungesichert 30m über dem Boden. Die Unfallrate ist dementsprechend hoch.

Nach dem wir am Busbahnhof für die morgige Fahrt keine Tickets bekommen haben, gehen wir zum Mirador, um nach einmal einen Blick über den Talkkessel zu werfen. Das Viertel, durch das wir durch müssen ist nicht sehr vertrauenserweckend und wir sputen uns, um so schnell wie möglich dort hoch zukommen. Oben sitzt eine Afro-Bolivianerin, die laut Selbstgespräche führt.

Auf dem Markt wollen wir noch einmal Api con Pastel essen und Jugo trinken. Das Marktgebäude ist ein architektonisches Desaster. Angeblich hat sich die Mehrheit der Beteiligten Leute vom Projekt verabschiedet und der Bürgermeister hat den Koloss auf eigene Faust fertigbauen lassen, weil der Markt wegen des starken Wachstums der Stadt dringend benötigt wurde. Vom Stil her handelt es sich um ein modernes Gebäude, dass deshalb und wegen seines Alters – der Markt wurde vor sechs Jahren eröffnet – irgendwie rückständig wirkt, irgendwie retromodern. Nackte Zementwände treffen auf buntlackierte Geländer und wie Garagentore aussehende, geschlossene Marktstände. Im unteren Bereich gibt es Beete, auf denen wegen mangelnden Lichteinfalls nichts wächst und generell ist es im Gebäude relativ dunkel. Ein Etagensystem ist zwar theoretisch per Wegweiser ausgeschildert, ist aber in der Praxis nicht zu erkennen. Stromkästen stehen frei herum. Statt Treppen gibt es nur Rampen, aber das ist ja eigentlich gut für die Barrierefreiheit. Und das wird nur mit Wasser aus Flaschen zubereitet, damit die Touristen keine Magen-Darm-Probleme bekommen, denn im Leitungswasser lauert ein Bakterium, dass an die Höhe angepasst ist und gegen das ein europäisches Immunsystem keine Chance hat.

Wir verpassen die Free-Tour-Führung, weil die Frau in der Touristeninformation uns eine falsche Uhrzeit genannt hat. Die Touristeninformationen sind deutlich schlechter aufgestellt als in Peru, in vielen Städten gibt keine offizielle Information, sondern nur unter dem Decknamen Touristeninformation getarnte Reiseagenturen, die ihr eigenes Zeug bewerben. Wir treffen die Führung etwas später auf dem Plaza Mayor, aber da war die Gruppe schon gut zwei Stunden unterwegs. Das ärgert uns, vor allem wir keine Erklärung zum San-Pedro-Gefängnis bekommen. Aber das kann ich ja später auch auf Wikipedia nachlesen.

Und weil ich es so spannend finde, gebe ich an dieser Stelle mal eine kurze Erläuterung. Im San-Pedro-Gefängnis mit seinen 1500 Insassen gibt es ein eigenes Gesellschaftssystem, ähnlich wie in einem Dorf. Die Wirtschaft und Warenverkehr ist weitgehend den Häftlingen überlassen. Es gibt reichere Häftlinge, die mehrere Zellen besitzen und diese an weniger reiche Häftlinge vermieten. Reiche Häftlinge können sich sogar Zellen mit privatem Badezimmer, Kabelfernsehen und Küche leisten. Manche Häftlinge leben dort mit ihren Kindern.

Das Gefängnis verfügt über mehrere Sektoren, die wie kleine Dörfer mit Märkten und Dienstleistungen agieren. Jeder Sektor verfügt über ein Kommittee, eine Art Dorfrat. Geld wird durch Kokainproduktion (es gibt dort drin Drogenlabore) und Tourismus (der hier eigentlich auch illegal ist) verdient. Für etwa 60$ kann man sich durch das Gefängnis führen lassen, nach einer ausgiebigen Sicherheitskontrolle. Fotos sind verboten.

Außerdem hat Embol, die Firma, der es als einzige erlaubt ist Coca-Cola in Bolivien zu produzieren, einen Exklusivvertrag mit dem Gefängnis. Dieser verbietet andere Cola-Sorten, dafür werden im Gegenzug Geld und Mobiliar zur Verfügung gestellt. Zusätzliches Geld wird durch Sportwetten erzielt. Es ist im Prinzip so eine Art überwachte Anarchie in diesem Gefängnis. Man könnte es auch als eine Art soziologisches Versuchslabor betrachten.

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Miss Daysi ist unser Chauffeur, Tag 60

Daisy fährt uns in ihrem 30 Jahre alten VW Käfer ein bisschen durch die Gegend, nach dem das mit dem Wagenanlassen etwa 10 Minuten gedauert hat. Der Motor musste erst warm werden. An den Vordersitzen fehlen die Kopfstützen, Gurte an den Rucksitzen gibt es auch keine. Dafür wurde irgendwann mal ein neues Radio eingebaut, das aber zum Glück aus bleibt.

Etwas außerhalb der Stadt geht zum Valle de la Luna, einem Tal, dessen Gesteinsformationen durch Erosion geformt wurden. Es sieht ein bisschen aus, wie eine Tropfsteinhöhle, nur halt nicht als Höhle.

Ein Stück weiter raus hat man nach Osten hin einen wunderbaren Blick auf den Illimani im Postkartenformat. Wenn man Richtung Westen blickt, sieht man in der Ferne La Paz, das den Talkkessel mit seinen ziegelroten Häusern beinahe zum Überlaufen bringt.

Unterwegs unterhalten wir uns über Evo Morales. Daysi hat kein gutes Bild von ihm, aber sie gehört ja auch der weißen Bevölkerungsgruppe an, die natürlich unter seiner Führung benachteiligter sind als in den Jahren davor. Aber sie erzählt uns auch, dass man bei öffentlicher Kritik auch gerne mal im Knast verschwinden kann. Da lag ich mit dem wohlwollenden Diktator gar nicht mal so falsch.

Anschließend statten wir Daysis Tochter und ihrer Familie einen kurzen Besuch zum Hallo sagen ab. Ihre Tochter ist Sängerin, ihr Mann Schlagzeuger in der Band Las Mulatas, die bolivienweit einen gewissen Bekanntheitsgrad haben. Daysis Tochter hat eine beeindruckende Stimme, wie wir finden, als Daysi uns eine CD vorspielt. Und das ohne Gesangsausbildung. Vor drei Wochen ist Daysis Tochter zum zweiten Mal Mutter geworden und Erstgeborene hat einen kleinen Aufmerksamkeitsmangel, deshalb will er dass wir gehen, damit er wieder im Mittelpunkt stehen kann.

Nach dem Mittagessen mit Riesenportionen, zu dem es zum ersten Mal auf der gesamten Reise eine Sauce dazugibt und zum Trinken einen typisch bolivianischen Jugo Mocochincho (ein ziemlich süßer Saft mit Zimt und Trockenpfirsichen), fahren wir zur Arbeitsstelle von Daysis Sohn. Er arbeitet zusammen mit seiner Freundin an einem kleinen Stand und bereitet leckere Sushi zu, von denen wir uns zum Abendessen ein paar mitnehmen.

Nach einer kurzen Pause bei Daysi zu Hause, zeigt sie uns ihren Arbeitsplatz, in dem ein Tanzstudio und zwei volle Kammern mit Requisiten und Disney-Kostümen beheimatet sind. Daysi organisiert frei- und hauptberuflich Tanzveranstaltungen, Feste und Feiern.

Mit dem Bus fahren wir dann noch ins Marktviertel, in es ganze Straßenzüge voll Ständen und Geschäften gibt. Daysi muss ein paar Besorgungen für ihre Requisiten machen. Meine Kamera hätte ich nicht mitzunehmen brauchen, denn hier ziemlich viel Gewusel und Taschendiebe nicht weit. Im Rucksack, den ich vorne auf dem Bauch trage, ist sie besser aufgehoben.

Die Sicherheitslage hat sich die letzten zehn Jahre, vor allem im Zuge der extremen Bevölkerungszunahme im ärmeren El Alto, massiv verschlechtert. Es gibt falsche Polizisten, die einem in Uniform nach dem Ausweis fragen und einen unter Umständen verhaften und in die Pampas verschleppen. Es gibt falsche Taxifahrer, die einen entführen. Oder Diebe, die Frauen ihre Goldohrringe auf offener Straße am helllichten Tag abreißen, so geschehen bei Daysi.

Zum Abschluss essen wir noch Api con Pastel. Das Pastel erinnert etwas an den ungarischen Langos, Api ist hingegen eine Art Maissirup mit violetter Farbe. Beides Geschmackssache, aber ich finde man kann es ohne Bedenken wenigsten probieren. Danach geht es wieder heim in die Obrajes, gefahren von einem Taxifahrer, der aussieht wie Dustin Hoffman als Bolivianer verkleidet.

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Stadttour in La Paz, Tag 59

So kalt wie gestern war es noch nie, meint Daysi zu uns am Frühstückstisch. Doch heute ist perfektes Wetter für eine Stadttour: Blauer Himmel ohne Wolken und etwa 16°C.

Der Bus ins Zentrum fährt direkt vor Daysis Haustür. Sie wohnt in einem Wohnhochhaus mit zwölf Etagen, unten an der Tür gibt es einen Pförtner, in der unteren Etage befinden sich Arztpraxen, Büro und Geschäfte.

Im Minibus geht es ins Zentrum. An der Hauptstraße verkauft jemand ein Extra-Blatt über die Salar de Uyuni. Wir denken zunächst, die Artikel handeln von den Straßenblockaden, die eine Ein- und Ausreise in den letzten Wochen erschwerten bzw. sogar unmöglich machen. Davon wurde uns in den letzten Tage gehäuft von anderen Reisenden berichtet. Es ging wohl um einen sich im Bau befindlichen Busbahnhofs, über dessen Lage sich die Regierung und das Dorf Uyuni heftig streiten. Doch aus der Zeitung erfährt man davon nichts.

Auf dem Plaza Mayor herrscht ein Getümmel von Menschen. Ein Mann versucht mir ein Fossil zu verkaufen. Wir gehen in die San-Francisco-Kirche, deren religiöse Ästhetik uns aber kalt lässt. Fast jede größere Stadt in Peru, Bolivien oder Ecuador besitzt ein San-Francisco-Kirche, die zu Ehren von Franz von Assisi errichtet wurden. Franz von Assisi lebte nach dem Vorbild von Jesus Christus und wird von der römisch-katholischen Kirche als Heiliger verehrt. Der aktuelle Papst Franziskus hat sich nach Franz von Assisi benannt.

Die Calle Sagarnaga an den zahlreichen Geschäften entlangschlendernd, gehen wir ins Coca-Museum. Dort bekommen wir am Empfang je ein Heft in unseren Muttersprachen in die Hand gedrückt, das die Beschreibungen für die Ausstellungsstücke enthält. Mein Heft auf Deutsch liest sich ganz gut, aber zwischendurch kommen im Text Sätze, die Deutsch sein sollen, aber eher aussehen wie Buchstabensalat.

Ein getrocknetes Coca-Blatt enthält bis zu 2,5% Kokain. Das Kauen der Blätter macht nicht abhängig, ist aber anregend und ein Heilmittel gegen die Höhenkrankheit, da es die Sauerstoffzufuhr verbessert. 1859 wurde erstmals reines Kokain aus der Pflanze isoliert. Kokain avancierte vom Schmerzmittel zur Droge.

Aufgrund des enthaltenen Kokains ist die Geschichte des Coca-Strauchs ist von Verboten und Erlassen geprägt. Bereits zur Zeit der Inkas war das Kauen von Coca-Blättern weitverbreitet, bis es im Zuge der Missionierung durch die Spanier verboten wurde. Dann wurde es aufgrund der Entdeckung von Gold und Silber zur Leistungssteigerung der Minenarbeiter wieder erlaubt und 1946 später durch die Vereinten Nationen streng verboten, zu Leiden der Cocaleros, der Coca-Bauern. Im Jahr 2005 wurde der Cocalero Evo Morales zum Präsidenten des Landes gewählt, der sich nachhaltig für die Coca-Bauern einsetzt und die Anbaufläche von 12000 auf 20000 Hektar vergrößert. Riesige Plakate mit seinem Gesicht für das Bewerben von Regierungskampagnen sind großzügig auf den Häuserflächen der Stadt verteilt. Er wirkt ein bisschen wie ein wohlwollender Diktator.

Nach dem kleinen, leider etwas überfüllten Coca-Museum gehen wir zum Plaza Murillo, auf den sich die Indigene Bevölkerung erst nach der Wahl von Evo Morales hingewagt hat. Vorher war er für diesen Teil der Bevölkerung tabu. Auf dem Platz fühlen sich tausende von Tauben heimisch.

Im Präsidentenpalast, das den höchsten Regierungssitz der Erde darstellt (Quito ist die höchste Hauptstadt), befindet sich im Glockenturm eine Uhr, die in die entgegengesetzte Richtung läuft, um sich vom spanischen Kolonialerbe zu lösen. . Dies ist eher eine symbolische Geste, denn immerhin sind hier 80% der Bevölkerung katholisch bzw. knapp 20% protestantisch und Spanisch ist die verbreiteste Sprache.

Essen gehen wir in einem indischen Restaurant, in dem es das angeblich schärfste Curry der Welt gibt (ein Türke soll es laut Speisekarte wohl in 48 Sekunden verputzt haben).

Danach gehen wir ein bisschen auf Shopping-Tour und müssen dafür noch Geld holen. Aber kein Geldautomat funktioniert, weil die Scheine knapp sind. Trotzdem wacht vor fast jedem Automaten ein Polizist mit Schrotflinte und kugelsicherer Weste.

Auf dem Nachhauseweg kommen wir in die Rush-Hour und es geht nur im Schritttempo voran. Jeden Tag stirbt die Stadt den Verkehrsinfarkt. Abgasfilter sind auch in Bolivien kaum verbreitet. Die zahlreichen Malereien in dem Tunnel, durch den wir fahren, sind fast komplett schwarz vor Ruß.

Céline und ich spinnen den Gedankenspiel weiter, wie es hier aussähe, wenn dieses Land nicht kolonialisiert worden wäre. Vermutlich nur Natur und ein paar Indianerstämme. Und wir wären nicht hier, sondern im Mittelalter.

Abends gehen wir bei Daysi um die Ecke noch eine Pizza essen. Während wir auf unsere Riesenpizza warten, schauen wir auf die Glotze. Dort läuft auf einem Fernsehsender, der sich Bolivision nennt (ich möchte auch einen Sender in Deutschland, der “Schlandsehen” heißt), eine Telenovelas, in denen zu alte Männer mit graumelierten Haaren auf der Brust zusammen mit zu jungen, aufgetakelten Mädchen im Bett liegen.

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Fahrt nach La Paz, Tag 58

Auf der gesamten Insel ist Stromausfall. Jetzt muss ich mich wohl doch wohl oder über kalt duschen. Wir verabschieden uns von unserer Gastfamilie deren kleine Tochter uns gut unterhalten hat. Die Rucksäcke müssen wir diesmal den Berg hinuntertragen, was etwas einfacher ist.

Wir stehen vor dem Boot mit dem Gepäck auf dem Rücken vor dem Boot und die Bootsführer kommen nicht aus dem Knick. Das Boot muss auch noch aufgetankt werden. Nach der Fahrt in einem komplett überfüllten Boot sind wir, mit etwas Verspätung um 10:30 zurück in Copacabana.

Unser Bus nach La Paz fährt um 13:00 Uhr. Nach einer Stunde Fahrt müssen wir aussteigen, um den Titicaca-See mit der Fähre zu überqueren. Also eigentlich kommen die Busse auf die Fähre, ein Holzboot mit großer Fläche auf die genau ein Bus Platz findet. Wir steigen in ein kleineres Boot ein. So klein, dass es trotz des niedrigen Wellengang im Wasser hin- und herschaukelt. Ein paar Franzosen auf der Isla del Sol hatte uns erzählt, dass es ein Leck im Boot gab, auf halber Strecke Wasser eintrat, zwei weitere Boot kommen und mitten auf dem See das Boot wechseln mussten. Die Schwimmwesten reichten auch nicht für alle Passagiere. Das hatte wohl auch noch ein Nachspiel mit der Polizei. Wir fühlen uns derweil wie Flüchtlinge nach Lampedusa.

Als wir am anderen Ufer ankommen, bin ich ziemlich genervt und spiele das Warum-Spiel aus deutscher Ingenieurssicht. Warum baut man nicht einfach eine Brücke?
Warum nimmt man zur Überfahrt die kleinsten Boote mit der größten Anzahl von Leuten? Gibt es hier Sicherheitsstandards? Aber ich habe vergessen, dass wir uns hier in einem der ärmsten Länder Südamerikas befinden. Und am Ende ist ja alles gut gegangen.

Die weitere Fahrt geht durchs Altiplano. Vereinzelt gibt es Häuser und Hütten in der Hochebene, in der Ferne blickt man auf schneebedeckte Berge. Die Wolken werden mehr und es fängt an zu regnen. Also wir in El Alto, der Vorstadt von La Paz, eintreffen schneit es sogar. El Alto ist die ärmste Stadt Bolivien und eine der am schnellsten wachsenden Städte der Welt. Sämtliche Häuser sind unverputzt, unfertig und ziegelrot. Das liegt daran, dass man für unfertige Häuser weniger Steuern zahlen muss. Trotzdem leben Menschen darin und die meisten Zimmer sind bewohnt. Die Menschen, die nach El Alto ziehen, kommen meist von ärmeren ländlicheren Regionen, die sich in der Stadt ein besseres Leben erhoffen. Schätzungsweise 88% der Bewohner El Altos sind Analphabeten, doch es gibt zahlreiche Programme der Regierung zur Alphabetisierung. Durch das schnelle Wachstum von El Alto ist es mit La Paz fast zusammengewachsen, jedoch besteht zwische beiden Stadtzentren ein Höhenunterschied von etwa 800m. Dadurch ist es in El Alto bis zu 10°C kälter als im wohlhabenderen La Paz, das in einem so genannten Talkkessel liegt. Je tiefer die Höhenlage, desto ist das Viertel. Von der Autobahn hat man einen überwältigenden Blick auf des Häusermeer von La Paz.

Es ist Rush-Hour und der Verkehr hupt und tost in beiden Städten, eine Fahrschule wirbt mit Metodo Europeo… Wer nach der Methode fährt, wird sich sicherlich ziemlich schnell im Krankenhaus wiederfinden. In La Paz sind die Straßen vollkommen verstopft mit Autos, so dass die Fahrt vom Busbahnhof zum Hotel ewig dauert.

Das Hostel, in dem Céline heute ein Zimmer mit Doppelbett reserviert hatte, hat nur noch ein Dreibettzimmer für uns im Angebot. Céline verhandelt mit dem Preis, die Typen an der Rezeption sind davon natürlich genervt, aber trotzdem war es ja deren Versäumnis. Das Zimmer, in dem wir schlafen sollen, hat keine Fenster. Wir sind für den Preis etwas unzufrieden, lassen aber Fünf gerade sein, stellen unsere Sachen ab und gehen in ein Locutorio, um Daysi anzurufen.

Daysi ist eine Freundin einer Bekannten meiner Schwester aus Berlin, Bolivianerin und lebt mit ihrer Familie in La Paz. Wir waren schon mit ihr verabredet, doch es war nicht klar, ob wir bei ihr schlafen können, denn wir kennen sie ja nicht. Doch am Telefon betont sie ausdrücklich, dass wir bei ihr übernachten können und sie ein Zimmer für uns frei hat. Sie wird uns abholen kommen. Glück gehabt, dann müssen wir nicht in diesem schäbigen Hostel übernachten.

Wir warten am Eingang des Hostel, an der Straße und halten nach Frauen zwischen 40 und 50 Ausschau, weil wir nicht wissen, wie Daysi aussieht. Wie wir da stehen, merken wir die zurückhaltendere Art der Bolivianer. In Peru wären wir schon längst von Horden von Taxifahrer umzingelt gewesen.

Als Daysi uns endlich abholen kommt, steigen wir so gleich in ein Taxi und fahren nach Obrajes, einem reicheren Viertel von La Paz, das etwas weiter entfernt vom Stadtzentrum liegt. Daysi kocht uns etwas zu Abendessen, ihre Hündin ist ein bisschen skeptisch und ängstlich uns gegenüber, doch letztlich friedlich. Unser Schlafzimmer ist tausendmal besser als in diesem Hostel und in der Dusche gibt es warmes Wasser, nicht wie in dieser Absteige mit der Elektrodusche, wo sich an der Rezeption zuvor drei Französinnen über das kalte Wasser beschwert hatten.

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Isla del Sol, Tag 57

Es gibt zwei Wege auf der Insel, die von Norden nach Süden führen. Heute bewandern wir beide, den einen hin und den anderen zurück.

In dem Dorf, wo sich unser Hostel befindet, geht es zunächst bergauf. Dort befinden sich viele Tiergehebe, in denen Schweine, Esel und Lamas gehalten werden. Als ich bei einem Gehege über die Mauer gucke und nichts ahne, stoße ich mit dem Kopf fast mit einem Lama zusammen, dass seinen Hals aus Neugier nach oben streckt und ich erschrecke mich fast zu Tode.

Um den Norden der Insel betreten zu dürfen, muss man sich ein Ticket für wenige Bolivianos kaufen. Das nächste Dorf ist erst ein paar Kilometer entfernt, der Weg dorthin manchmal nur rudimentär erkennbar. Dort scheucht eine Frau ihrer Schafherde durch die Gassen. Die Laternen sind improvisiert, sie bestehen aus einer Energiesparlampe und einem halbierten Plastikkanister als Regenschutz.

Ein alter Mann mit strahlendweißen Zähnen fragt uns nach dem Weg. Ein solches vollständiges Gebiss ist eine Rarität in Bolivien, den meisten Menschen fehlen mehrere Vorderzähne. Manchmal sind diese vollständig oder teilweise durch Goldprothesen ersetzt, so dass die betreffenden Gebisse aussehen wie Grillz von Rappern.

Am Strand sühlt sich eine Schweinefamilie. Es riecht nach Fisch. Ein Stück weiter gibt es eine Schule, deren Begrenzungsmauer mit Konteifeis von Che Guavara, Evo Morales und anderen Politikern bemalt ist.

Im Norden gibt es eine Halbinsel mit einem kleinen Dorf mit Hotels und ein paar Restaurants, die leckere gebratene Forellen frisch gefangen aus dem See anbieten, wovon wir welche probieren. Im Restaurant stoßen ein paar Franzosen auf uns.Ich dachte zunächst, das wir nur auf Franzosen treffen läge nur an Célines französischsprachigem Reiseführer, doch es reisen tatsächlich überdurchschnittlich viele Franzosen nach Bolivien. Und das, obwohl Bolivien in Frankreich nicht sonderlich beworben wird.

Auf dem Rückweg geht es an den Inka-Ruinen vorbei und durch eine erneute Boleto-Kontrolle, in dessen Nähe gerade ein Dach von zehn Bolivianern gedeckt wird. Naja, acht schauen zu und zwei arbeiten. Céline läuft mir 200m voraus und zeigt die Tickets für uns beide vor. Ich komme später nach und werde durchgewunken. Ein kleiner Junge bekommt nicht mit, dass ich schon bezahlt habe, rennt mir hinterher und zieht mir am Pullover, worauf hin die Leute, die gerade am Dachdecken sind, in Gelächter ausbrechen.

Nachdem wir heute 25km gewandert sind, brauchen wir eine Dusche, doch es gibt keinen Strom im Hostel deswegen kein Warmwasser, doch Céline ist mutig, während ich mich tot ins Bett fallenlasse.

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Isla del Sol, Tag 56

Copacabana ist touristisch sehr gut erschlossen.

Überall werben zahlreiche Agenturen, die Ausflüge anbieten, außerdem sieht man überall Schilder von Hostels und Alojamientos. In den Straßen und am Hafen befinden sich viele Restaurants und Kaffees, aus denen vorrangig Reggae- und Latino-Musik tönt. Man sieht viele alternative Aussteiger aus aller Welt, die hier abgestiegen sind. Zum Beispiel einen Argentinier, der in den Restaurants seine Comics anbietet.

Heute ist wieder Autotaufe. Und in dem Restaurant, wo wir frühstücken, sitzen wieder die zwei deutschen Mädchen, die sich auf ihrer Reise zwei Engländer geangelt haben. Haben wir gestern schon getroffen, als sie gestern im Restaurant lautstark mit Papi nach Hause telefoniert haben. Eine von den beiden ist besonders penetrant. Wenn sie im Restaurant ist, muss sich wegen ihr aufgeblasenen Art alles um sie drehe Weil sie so wunderbar in Smartphone schreit man sie als einzige wahrnimmt, weiß ich jetzt ich Dinge, die ich nie wissen wollte. Zum Beispiel, dass Papi die Reise bezahlt und sie sich doch gerne beteiligen möchte und das die Engländer doch gerne zu ihr nach Hause kommen dürfen müssen. Hey, Hannah Montana bestellt noch ein paar Grüße!

Wie wir möchten die vier Pupsnasen auch auf die Isla del Sol. Ich finde, dass ist eine gute Ausgangsbasis für einen guten Teeniesplatterfilm. Die vier landen auf einer Insel, deren sämtliche Bewohner zu hirnfressenden Zombies mutiert sind. Doch den Ausgang der Geschichte kann ich schon mal verraten: Die Zombies sind verhungert und die vier kommen mit dem Schrecken davon. Aber es hat sich eh erledigt, die vier bekommen für heute keine Tickets mehr, wir haben unsere schon gestern am Hafen organisiert.

Nach der unspektakulären Bootfahrt zur Südseite der Insel, müssen wir unser gesamtes Gepäck, pro Nase etwa 35kg, den Berg hinaufschleppen, denn unsere Unterkunft befindet sich ganz oben, etwa 150m höher. Auf der Insel gibt es keine Autos, nur Esel, Schafe, Lamas und Kühe.

Wir schlafen bei einer Familie, die ein paar Zimmer zur Unterkunft anbietet. In den Zimmern gibt es Licht, aber keine Steckdose. Die Dusche ist elektrisch, doch warmes Wasser ist aufgrund der mangelhaften Stromversorgung nicht immer garantiert. Lilli, kleine Tochter der Familie ist nicht schüchtern, spielt mit allen und unterhält so alle Gäste am Abendbrotstisch im Gemeinschaftszimmer.

Bevor die Sonne untergeht und es dunkel wird, wandern wir noch ein Stück nach Norden und genießen den tollen Ausblick. Nachts ist es hier vollkommen finster, wie auch im Canyon. Es gibt nur vereinzelte Laternen und die entfernten Stadtlichter von Puno, die den Blick auf die Sterne trüben.

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Andere Länder, andere Sitten, Tag 55

Nun also sind wir Copacabana, einem kleinen Ort mit knapp 6000 Einwohnern am Titicacasee. Hier ist auch die Bolivianische Marine beherrbergt. Ich finde, ein Binnenstaat mit Marine ist wie ein Fisch mit Fahrrad.

Neben seiner Funktion als Hafenstadt ist Copacabana auch ein bedeutender Wallfahrtsort. Und das bekommen wir sogleich zu spüren, als wir vor die Tür treten. Die gesamte Hauptstraße und einige Seitenstraßen des Ortes ist vollstopft mit geschmückten Autos. Bolivianische Autotaufe ist angesagt.

Es gibt zwei Priester, die mit Weihwasser gefüllten Plastikeimern und Aspergill ausgestattet den Autos, den Fahrern und deren Familien Segen spendet und sie mit Weihwasser besprenkeln. Auf die Autodächer sind bunte Papphüte geklebt und sind rundum mit Blumen und Girlanden geschmückt. Blütenblätter werden über die Autos gestreut, über die sich sogleich die Tauben hermachen. Nach der Segnung durch den Priester wird Bier und Sekt auf die Autos gespritzt, vor der Motorhaube werden Knallfrösche gezündet. Danach hat man die Lizenz, um zu fahren wie ein Chaot, denn Unfälle können jetzt ja nicht mehr passieren.

Diese Art von Bräuchen kommt aus der Synthese zwischen Inka-Glauben und Katholizismus, genannt Synkretismus, die sich vor allem unter dem indigenen Präsidenten Evo Morales noch mehr verstärkt haben.

Neben der Autotaufe befindet sich die maurische Basilika, die die aus dem dunklem Holz geschnitzte Marienfigur Virgen de Copacabana beherrbergt. Vor allem wegen dieser Figur ist Copacabana ein Wallfahrtsort und ihr werden viele Wunder zugeschrieben.Während nebenan das Geld in Form von Feuerwerkskörpern und Sekt verpulvert wird und Pfarrer sich engagiert und jedes Auto kümmern, sitzen hier vor der Basilika kranke, alte Frauen und betteln. Wie war das nochmal mit der Nächstenliebe?

Nach dem Autotauf-Spektakel frühstücken wir wie die Könige, oder besser, wie die Wessis in Ungarn vor dem Mauerfall. Für umgerechnet drei Euro bekommt man ein Heißgetränk seiner Wahl, drei Brötchen mit Marmelade, eine große Schale Müsli mit Joghurt und einen Orangensaft.

Fast direkt in Copacabana gibt es einen Berg, den Cerro Calvario, ebenfalls ein Wallfahrtort, an dem man Wünsche erfüllt bekommt. Auf dem kopfsteingepflasterten Weg nach oben gibt es alle zehn Meter ein steinernes Kreuz, auf das man einen Kiesel legen und sich anschließend bekreuzigen muss. Der Gipfel des Berges liegt etwa 100m höher. An der Spitze angekommen, kann man den Ausblick genießen und eine Kerze anzünden oder eine Blume pflanzen, damit der Wunsch in Erfüllung geht. Damit das In-Erfüllung-Gehen (insbesondere bei materialistischen Wünschen) noch weiter beschleunigt oder gewisser wird, kann man sich an den zahlreichen Ständen eine Miniaturausgabe seines Wunschobjektes kaufen. Zum Beispiel ein Matchbox-Auto oder ein kleines Haus aus Plastik. Dann muss man auf den Wunsch auch noch ein Glas Sekt oder ähnliches Alkoholisches trinken, meist mit der ganzen Familie.

Doch trotz der Heiligkeit dieses Ortes und der Verehrung von Pachamama, Mutter Natur, nehmen es die Bolivianer mit der Müllentsorgung nicht so genau. Die Plastikbecher aus denen Sekt getrunken wurde und die Bierflaschen werden einfach den Abhang heruntergeworfen, obwohl es ein Stück weiter oben einen Mülleimer gibt, an dem man beim Abstieg ohnehin vorbeiläuft. Ein Bolivianer hat zwei Plastikbecher und eine Bierflasche in der Hand, guckt mich an und wirft währenddessen seine Wunscherfüllungsutensilien schnurstracks den Berg hinunter. Mit der insgeheimen Begründung, wenn die anderen das so machen, dann darf ich das schließlich auch. Dadurch ist der ganze Hang voller Plastikbecher, Glasflaschen und ähnlichem Gelumpe. Der nördliche Teil des Bergs sieht aus wie eine Müllkippe. Durch die Glasscherben, die Sonne und den fehlenden Niederschlag brennt das trockene Gras auch gerne mal.

Wenn man einen Ort für heilig erachtet, warum behandelt man ihn dann so? Zu mal die Bolivianer neben ihrer Frömmigkeit auch beim Thema Nationalstolz ganz vorne mit dabei sind. Wer verdreckt denn bitte absichtlich sein Land, auf das er angeblich so stolz ist? Oder geht hier tatsächlich nur um das eigensinnige, materialistische Hoffen, dass einem hier ein Wunsch erfüllt wird? Übertönt die Stimme der Gier wieder einmal die der Vernunft? Moment, Katholizismus und Vernunft!? Dieses ganze Brauchtum ist so dermaßen unaufgeklärt, irrational und unsinnig, dass ich von den ganzen Widersprüchen und Fragen Kopfschmerzen bekomme. Man tickt hier eben etwas anders. Mit dem Andersticken werden wir ein paar Tagen nochmal wortwörtlich kontrontiert werden.

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Adios Peru, vamos Bolivia!, Tag 54

Vormittags schlendern wir durch Puno, gehen auf den Markt und geben unsere letzten Soles aus. Ich kaufe mir eine Mütze und Handschuhe, Céline sich einen Pullover.

Doch vor dem Nationalfeiertag werden die Bürgersteige hochgeklappt. Daher sind nicht mehr alle Geschäfte und Stände offen oder verkaufen nur noch das Nötigste, Sandwiches gibt es zum Beispiel nur noch an einem einzigen Stand im Markt.

Dann fällt mir mein Fischaugenaufsatz für mein Objektiv herunter auf den gepflasterten Fußweg und die Linse zerspringt zwei Teile und tausend Splitter. Das ärgert mich, aber es war ja auch nur als Spielerei gedacht und hat seinen Zweck erfüllt.

Beim durch die Straße laufen sieht man häufig uniformierte Kapellen und wir zucken manchmal zusammen, wenn in die Luft geschossen wird. Die Volksfeststimmung wird gegen Mittag stärker, es gibt mehr Musik, mehr Lautsprecher und mehr Schüsse. Bevor es hier zu sehr nationalistisch zu geht, machen wir uns auf dem Staub und fahren mit dem Bus nach Bolivien.

Peru war das vielseitigste, in dem ich bisher war. Es fühlte sich an wie zig Länder in einem. Man hat den touristisch wenig erschlossenen Norden, Huanchaco das Strandparadies, Huaraz als Ausgangspunkt für die Wanderungen in die schönsten Berge, Lima als Metropole, Iquitos und den Dschungel, die Inka-Metropole Cusco mit dem Monument Machu Picchu, das Canyonland in Arequipa und den Titicacasee. Als das in einem Land und wir haben noch nicht einmal alles sehen können! Jeder dieser Orte fühlt sich besonders und eigen an, hat unterschiedliches Wetter, unterschiedliche Menschen, andere Musik, anderes Essen, andere Bräuche, andere Kleidung.

Eine besondere Gastfreundschaft (abgesehen von Marco und seiner Familie) kann ich den Peruanern aber nicht nachsagen. Es gab natürlich auch viele freundliche, neugierige und hilfbereite Peruaner, doch viele, denen wir auf der Straße begegnet sind, wollten von uns Gringos nur das pure Geld. Doch abgesehen davon, war durch Peru zu reisen und das Land zu entdecken eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte.

Am Grenzübergang muss man wieder die üblichen Formulare ausfüllen und angeben, dass man sich nicht mehr als 30 Tage in Bolivien aufhalten darf. Über dem Schalter hängt ein riesiges Portrait von Evo Morales. Es gibt auch Hunde, aber die sind friedlich. Ein paar Schafe grasen umher und eine Klofrau sitzt vor dem Toilettenhäuschen mit der Aufschrift “To Go The Toilet” und wartet auf Kundschaft.

Nach dem wir den Grenze passiert haben, geht es mit dem Bus einen Katzensprung weiter nach Copacabana, einer kleinen Hafenstadt am Titicacasee. Wir laufen etwas mit unseren schweren Rucksäcken umher, denn das Hostel ist etwas unauffällig gelegen, so dass wir ein paar mal daran vorbeilaufen.

Bolivien ist preiswerter als Peru. Das Zimmer kostet umgerechnet 8€ die Nacht, ist klein, sauber und es gibt eine Elektrodusche mit lauwarmen Wasser. Dann gehen wir noch etwas essen und ich verputze meine erste Pizza der gesamten Reise. Bolivien kann kommen.

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Puno, Tag 53

Die Hafenstadt Puno, die am Titicaca-See liegt, ist unser letzter Halt, bevor wir nach Bolivien einreisen. Um dort hinzukommen, haben wir uns eine extra billige Buslinie ausgesucht.

Auf den Busbahnhöfen herrscht eine Stimmung wie auf dem Markt, denn die Leute hinter den Ständen der verschiedenen Busgesellschaften rufen ständig lautstark die Städtenamen der Zielorte aus. Man muss nur die Städtenamen durch Gemüsesorten ersetzen, dann wär es tatsächlich ein Markt. Die Verkäufer wiederholen die Städtenamen möglichst oft und so schnell wie möglich hintereinander. Wer dreimal hintereinander Arequipa sagen kann so schnell wie der Typ am Stand neben uns, bekommt ein Bier.

Auf der Busfahrt geht es zu wie auf einer Werbefahrt. Ein Waschmittelvertreter in Schlips und Kragen mit Mikrofon versucht lautstark nutzlose Produkte zu verkaufen. Das ist noch aufdringlicher als bei Easyjet und schlimmer als Fernseher im Bus. Zum Glück ist der Typ nach einer halben Stunde weg und die Fernseher im Bus sind nicht funktional.

Die Busfahrt geht durch das hässliche Juliaca, das in meinem Reiseführer als Schandfleck tituliert wird. Hier gibt es nur unverputzte und unfertige Gebäude. Aber Puno ist auch nicht viel schöner, naja bis auf den Hafen und den Titicaca. Als wir am Hostel mit dem Taxi ankommen, entledigt sich ein Mann auf offener Straße, auch ein interessantes Konzept von City-Toilette.

Puno hat 120000 Einwohner und liegt 3800m über Normalnull, daher wird es nachts richtig kalt, etwa 5°C unter Null. Durch den Titicacasee, der der höchste kommerziell schiffbare See der Erde ist (Wikipedia), wird aber etwas Tageswärme gespeichert und sinkt nicht noch tiefer. Am Hafen kann man auf dem Pier wunderbar am Wasser spazieren gehen, alles ist geschmückt für das kommende Nationalfest und es gibt eine Parade. Im Bahia Interior, einem Seitenbecken des Sees, fahren viele Leute mit Tretbooten umher. Die Ufer sind voller grüner Entengrütze.

Im Hostel gibt es keine Heizung, daher wird es nachts richtig kalt. Ich frage mich, warum man die Wärme, die die Sonne über den Tag abgibt (es wird tagsüber bis zu 20°C), nicht besser nutzt. Heizkörper wären natürlich ungünstig, weil die Luft ohnehin schon trocken genug ist. Besser wäre natürlich eine Fußbodenheizung mit Solarthermie. Aber ich träume, drei Decken, drei Pullover und drei Paar Socken müssen halt zum Schlafen reichen.

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Eingesperrt in Arequipa, Tag 52

Heute treffen wir uns mit Mar und Rianna, die wir auf der Colca-Canyon-Tour kennengelernt haben, um auf den den Markt zu gehen. Mar kommt aus Barcelona und Rianna aus Amsterdam. Ein Engländer und eine Französin kommen auch noch mit. Damit sind wir eine europäische Runde aus sechs Leute und sechs Ländern.

Am Eingang von jedem Markt befindet sich ein Glaskasten in dem eine Jesus-Figur aufgestellt ist, davor stehen reihenweise Blumen. Eine Frau bekreuzigt sich und verbeugt sich fromm. Im Markt trinke ich den Jugo Especial Completa, mit Schwarzbier, Algarrobina, Milch und Gott weiß was sonst noch. Die Jugo-Frau am Stand kippt alles rein. Schmeckt interessant, aber nicht wie ein Jugo, sondern eher wie ein Proteinshake.
Vor den Saftständen, befindet sich ein Stand an dem ein paar Eselhoden zum Verkauf angeboten werden. Da sind bestimmt auch viele Proteine drin.

Dann wir nach Yanahuara, von wo man einen tollen Blick über die Stadt zusammen mit dem 5800m hohen, kegelförmigen Wahrzeichenvulkan Misti hat. Der Vulkan ist aktiv, wird von der Bevölkerung als schlafend beurteilt. Im Falle des ausbruchs hat man etwa eine halbe Minute, um vor dem Ascheregen in einem Gebäude Schutz zu suchen. Evakuierungspläne gibt es aber keine. In den Gebäuden gibt es allerdings Notfallbeleuchtung im Falle eines Erdbebens. Das erinnert mich irgendwie an diese Trillerpfeifen, die an den Schwimmwesten in Flugzeugen angebracht sind, um auf sich aufmerksam zu machen. Wir essen etwas in einer Picanteria (den typischen Restaurant in Arequipa) und später treffen wir uns mit Mar und der Französin auf ein Bierchen.

Doch bevor wir zum Treffpunkt kommen können, müssen wir es erstmal aus dem Hostel schaffen. Der alte Mann mit dem Raucherhusten ist gerade Zigarettenholen und hat uns eingeschlossen. Einen Schlüssel für die Haustür haben wir nicht. Und so stehen wir drei Französinnen, die herein wollen und einer mit einem Vorhängeschloss abgeriegelten Gittertür gegen gegenüber. Außerdem müssen wir noch unsere Wäsche holen, bevor die Wäscherei zumacht und wir morgen früh weiterfahren, sonst haben wir nichts zum Anziehen.

Der alte Mann kommt zurück mit einem Plastikbeutel, ein Paar Kippen und einer großen Portion von schlechtem Gewissen. Wir weisen ihn darauf hin, dass es im Falle eines Feuers oder Notfalls die Schlüsselsituation äußerst ungünstig ist. Aber er meint, das würde nicht passieren. Aber wenn es passiert, ist das Geschrei groß. Ich hatte ja gerade über Erdbeben, Vulkanausbrüche und Evakuierungen geschrieben. Angesichts dessen will ich mir gar nicht vorstellen, wie viele Menschenleben eine Naturkatastrophe aufgrund ungenügender Sicherheitsvorkehrungen hier kosten wurde.

Wir sind spät dran und rennen zum Plaza de Armas. Zum Glück schaffen wir es noch rechtzeitig um uns mit Mar und Hermine zu treffen.

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