Ein unherzliches Willkommen, Tag 17

Ich kann kaum ein Auge zu tun. Kurz vor der ecuadorianisch-peruanischen Grenze gehen die Lichter im Bus an und wir bereiten uns darauf vor Auszusteigen.

Um das Grenzgebiet gab es zwischen den Ländern nach der Unabhängigkeit von Großkolumbien über 150 Jahre lang Streitigkeiten, Kriege und Scharmützel. Konfliktgegenstand waren – neben den Gebieten selbst – vorrangig Rohstoffe, allen voran Gold und Erdöl.

1998 wurde dann vom ecuadorianischen Präsidenten Jamil Muhuad (der, der jetzt in Harvard Politik unterrichtet) und dem peruanischen Präsidenten ein Vertrag zur Beilegung des Konflikt und zur Grenzsteinlegung unterzeichnet. 2008 wurde eine gemeinsame Minenräumung vereinbart. Die Minenfelder sind heute noch präsent und gekennzeichnet. Man sollte daher an der Grenze nie abseits der Wege laufen.

Der Status der ecuadorianisch-peruanischen Beziehungen lässt sich anhand des Grenzübertritts manifestieren. Wir müssen zunächst an den ecuadorianischen Schalter, um unser Ausreisestempel zu bekommen. Zum Glück haben wir noch die Schnipsel von Formularen, die wir bei der Einreise ausgefüllt haben. Das spart Zeit und sonst wir müssten dann auch noch eine Strafgebühr bezahlen.

Jetzt brauchen wir noch das Einreisestempel von Peru. Dazu müssen wir zu Fuß über eine Brücke durch 300m Niemandsland zum anderen Schalter, an dem man das Einreisestempel bekommt. Dieser liegt ziemlich unscheinbar und versteckt. Ein kleiner Laden befindet sich davor, aus dem zwei aggressiv bellende Hunde herausgerannt kommen, die uns anfallen. Einer von ihnen schafft es, mir in den Schuh zu beissen. Erschrocken nehmen wir unsere Beine in die Hand, rennen zum Schalter, füllen das beknackte Formular aus und bekommen unser Stempel. So freundlich wurde ich in noch keinem Land willkommen geheißen.

Zum Glück hat der Hund nur meinen Schuh erwischt, denn um die Zeit und an dem Ort einen Arzt zu finden wird alles andere als spaßig. Übrigens waren wir nicht die einzigen Leute aus dem Bus, die von den Kötern überrascht wurden.

Wir können wieder in den Bus einsteigen, niemand von den anderen Fahrgästen scheint darauf zukommen, mal die Fenster aufzumachen, um nach 5 Stunden Fahrt ein bisschen Sauerstoff reinzulassen. Die Straße wird gerade und weniger bergig und wir können sogar ein Stündchen schlafen.

Als es hell wird und ich meine Augen aufmache, sehe ich unverputzte und unfertige Gebäude, staubige Straßen und lauter Mototaxis. Es ist gefüllte 28 Grad warm und der Himmel ist monoton grau. Es erinnert mich irgendwie eher an Südostasien als an Peru, doch wir sind in Piura, der wahrscheinlich hässlichsten Stadt, die ich in meinem Leben gesehen habe. Piura ist die Art von Großstädten, in dem es selbst in der englischen Wikipedia höchsten einen kleinen Schnipselartikel gibt. Hier leben halt einfach Menschen.

In den vergangenen Tag habe ich mich ausgiebig über den Verkehr in Quito ausgelassen. Doch was wir hier zu Gesicht bekommen toppt selbst Quito: Nicht einzige Ampel, dafür noch mehr Gehupe und überall diese knarrenden Moto-Taxis. Das Über-die-Straße-gehen ist ein kompletter Überlebenskampf, denn an Zebrastreifen wird hier auch nicht angehalten.

Am Busbahnhof werden wir von Taxifahrern regelrecht belästigt, wir mögen doch bitte ein Taxi ins Stadtzentrum nehmen. Wir lehnen stets dankend ab, zu mal wir auch gar keine Soles haben.

Hier in Peru befinden im oberen Teil der meisten Windschutzscheiben der Taxis ein Schriftzug, mehrheitlich mit christlichen Anspielungen wie: Dios es amar, Nino de Jesus, Dios es mi guia.

Die Peruaner scheinen noch religiöser zu sein als die Ecuadorianer und leider auch weniger zurückhaltend. Ich stelle mir einen Taxifahrer am Flughafen Schönefeld vor, der einem Asiaten oder Afrikaner vollkommen ungefragt “Taxi, Taxi!” zuruft. Ein eher unwahrscheinliches Ereignis.

Wir suchen den Busbahnhof, um nach Chiclayo zu kommen. Auch von einer Bank, einer Wechselstube oder einem Geldautomaten findet sich keine Spur. Mit unseren schweren Rucksäcken latschen wir hin und her, auch Nachfragen helfen uns nicht wirklich weiter.

Im Reiseführer steht, dass der nächste Bankautomat etwas 800m entfernt liegt und da gehen wir dann hin und essen anschließend ein Desayuno, auch um etwas Wechselgeld zu haben.

Der Kaffee wird ähnlich serviert wie Ecuador: Wir bekommen zwei kleine Kännchen, eins mit Kaffeeextrakt, das andere mit Milch (die nicht mehr ganz frisch ist). Den Inhalt der Kännchen können wir dann mit heißen Wasser mischen, dass wir in der Tasse serviert gekommen. Das schmeckt dann auch so, wie es sich anhört. Es ist das erste Mal, dass ich Céline sehe, wie sie ihren Kaffee nicht austrinkt. Dafür ist der Zitronenkuchen um so bekömmlicher.

Der Busbahnhof ist auch nicht weit von hier, wir sind etwas von der Hausnummer 1142 irritiert und dachten, die Haltestelle wäre kilometerweit vom Stadtzentrum entfernt. Die vorderen Ziffern stehen für den Häuserblock, die letzten beiden für das eigentliche Gebäude. Daher müssen wir nicht so weit laufen wie erwartet.

Auf dem Weg von Piura nach Chiclayo fahren wir stundenlang durch eine karge, schier endlose Steppenlandschaft. Durch die graue Wolkendecke fühle ich mich etwas an “Die Straße” von Cormack McCarthy erinnert. Zu allem Überfluss verabschiedet sich auch noch mein Kindle von mir, Display kaputt. Ich komme also wieder nicht zum Lesen, diesmal wahrscheinlich für längere Zeit nicht. Der Tag verspricht, ein erster echter Tiefpunkt zu werden.

Zwischenzeit haben sich die Wolken größtenteils verzogen, was die Stimmung deutlich hebt. Wir lehnen dankend die Angebote von den Taxifahrern ab und gehen zusammen mit Julien, einem Kanadier aus Quebec, zu Fuß durch das hektische Chiclayo mit dem tosenden Verkehr zu unserem Hostel.

Wir versuchen ein Geschäft zu finden, in dem E-Book-Reader oder zumindest englischsprache Bücher verkauft werden. In der Touristeninformation werden wir auf das nahegelegene Einkaufszentrum verwiesen. In den Elektronikläden gibt es leider nur Tablets, von E-Book-Reader hat scheinbar noch niemand etwas gehört. Die Auswahl an englischen Büchern im Buchladen ist mehr als überschaubar: Harry Potter, billige Fantasy-Literatur und 50 Shades of Grey. Also nichts, was mich wirklich interessiert. Die Preise sind auch dieselben, wie in Europa und das ist mir sowieso zu teuer. Die Suche in diesem Moloch geht morgen weiter.

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