Moloch Chiclayo, Tag 18

An diesem Tag versuchen wir Hektik, die ja in dieser Stadt so gut wie vorprogrammiert ist, weitest gehend zuvermeiden. Meine Kamera hab ich sicherheitshalber im Hotel gelassen, die Stadt scheint mir keineswegs vertrauenderweckend.

Doch erst einmal heißt es Frühstück suchen. An der Kathedrale vorbeigehend, sehe ich zwei alte, im Rollstuhl sitzende, blinde, ungewaschene Frauen im Rollstuhl, an denen sich so ziemlich alles, was soziale Armut – die ja in Wahrheit eine ökonomische Armut ist – ausmacht.

Wir landen in einem Café, das „American“ heißt. Für den Preis lässt das Frühstück stark zu wünschen übrig und warum das Obst vom Obstsalat in solchen Breitengraden aus der Dose kommen muss, ist uns auch schleierhaft. Wahrscheinlich heißt das Café deswegen American.

Dann nehmen wir den Minibus nach Lambayeque, einem Vorort von Chiclayo, an dem sich das bekannte Museum Tumbas Reales de Sipan (Museum der Königsgräber von Sipán) befindet. Die Minibusse sind hier das einzige öffentliche Nahverkehrsmittel. Ein Liniensystem ist nur rudimentär vorhanden; wenn man ein- und aussteigen will, muss man sich entsprechend bemerkbar machen. In Chiclayo ist das Bussystem behelfmäßig aus einer Not heraus von der Bevölkerung organisiert, denn sonst würde der Stadt ein dauerhafter Verkehrsinfarkt drohen. Die Preise sind doppelt so hoch wie in Ecuador, weil die Busse nicht subventioniert sind und der Sprit teurer ist (Peru verfügt nur über geringe Erdölvorkommen), aber mit umgerechnet 50 Cent pro Fahrt kann man das noch verkraften. Sind die Minivans immer mit mindestens 15 – 20 Leuten rappelvoll.

In Lambayeque, einer wirklich staubigen und ärmlichen Vorstadt, steigen wir aus. Das imposante Bauwerk des Museo Tumbas Reales, dessen Architektur einer Pyramide der Moche-Kultur nachempfunden ist, wirkt dagegen wie ein Fremdkörper. Kaum vorstellbar, dass sich ein ausländischer Tourist in diese Gegend verirrt, dabei ist das Museum von der Qualität der Ausstellung durchaus mit dem Pergamonmuseum vergleichbar, letzteres ist aber natürlich wesentlich umfangreicher. Die Zahl der Besucher ist überschaubar.

Im Museum werden die Ausgrabungsstücke des Mausoleums des Königs der Sipan gezeigt. Besonders beeindruckend sind die Schmuckstücke aus Gold und Perlmutt, deren handwerkliche Verarbeitungsqualität für die Zeit um 500 n.Chr. bemerkenswert ist. Auch die Tatsache, dass beim Tod des Herrschers auch seine Gemahlinnen, Kinder und Diener mitgeopfert werden mussten, verblüfft. Fragt sich, wie das Adelsgeschlecht so weiterbestehen konnte. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum die Moche-Kultur untergegangen ist.

Nach dem Museum fahren wir wieder nach Chiclayo, um Bustickets für die morgige Fahrt nach Cajamarca zu kaufen. Leider haben wir unsere Pässe vergessen und die braucht man hier stets, wenn man die Fernbusse nutzen will. Also mussten wir nochmal ins Hotel zurück.

Auf dem Weg dorthin probiere ich das nationale Erfrischungsgetränk „Inca Kola“, dass mittlerweile von Coca Cola gekauft wurde. In einer 410ml-Inca-Kola-Flaschen stecken schlappe 41mg Zucker und so schmeckt das dann auch. Ich schaffe es nicht, die Flasche auszutrinken. Wenn sich dazu noch die leckeren Torten in den Schaufenstern ansieht, fragt man sich, wie hoch die Diabetiker-Quote hier wohl ist.

Jetzt ist Rushhour und wir müssen noch einen Buchladen finden, damit ich was zu lesen für unterwegs habe. Das Hupen wird immer unerträglicher. Vielleicht haben die Autos ein System eingebaut, bei dem bei unterschreiten des Mindestabstand automatisch die Hupe betätigt wird.

Doch so chaotisch das Verkehrssystem auch sein mag, irgendwie scheint es zu funktionieren.

Ich kenne die Zahl der Verkehrstoten nicht, aber sie dürfte geringer sein als man annehmen mag. Das liegt zum einen daran, dass meisten Straßen hier Einbahnstraßen sind und Unfälle mit Überholen im Gegenverkehr damit so gut wie ausgeschlossen sind. Überholen ist angesichts der Verkehrsdichte ohnehin unmöglich. Dazu kommt, dass die Peruaner im Schnitt wesentlich weniger Alkohol trinken. Unfälle durch Alkoholeinfluss sind also auch seltener. Trotzdem muss man als gerade Fußgänger höllisch aufpassen, das Tragen von Kopfhörern ist hier undenkbar.

Jetzt müssen wir noch ein paar Bücher für mich finden. Wir fragen in den Läden nach englischen Büchern, doch man drückt uns dann stets ein englisches Wörterbuch in die Hand. Es gibt nur Bücher auf Spanisch, entweder Klassiker der Weltliteratur und Schmonzetten. In den Buchläden wird gleichzeitig auch immer Schulmaterial verkauft. Das weckt den Eindruck, Bücher gelten in diesem Land als etwas, womit man Kinder in der Schule quält. In einer Markthalle im Norden der Stadt begnüge ich mich schließlich mit Franz Kafka „Die Verwandlung“ und einem Kulturatlas. Jetzt komme ich ums Spanisch nicht mehr drum herum.

Am Abend gönnen wir uns dann noch ein etwas gehobenes Restaurant (das übrig gebliebene Essen geben wir einer Bettlerin) und freuen uns, morgen endlich aus dieser Stadt verschwunden zu sein.

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