Tour durch Lima, Tag 37

Marco hat sich heute für uns freigenommen und wir machen mit ihm eine Stadttour durch ein paar Viertel von Lima. Die Kernstadt von Lima ist insgesamt 30 Bezirke eingeteilt.

Am Vormittag fahren wir mit dem Bus nach Barranco, einem Künstlerviertel. Das Viertel liegt an der Pazifikküste und man hat von dort einen tollen Ausblick auf dem Ozean. Außerdem stehen hier viele Villen im Barock- und Kolonialstil, die Casonas genannt werden. Auf dem schicken Hauptplatz befindet sich eine Bibliothek. Hier ist es sehr angenehm ruhig, es gibt wenig Menschen und Verkehr.

In der Nähe der Küste steht die Kirche La Ermita, deren Dach während des Salpeterkrieges zwischen Peru und Chile von den Chilenen 1881 niedergebrannt wurde. Wegen dieses Krieges, in dem die Gebiete rund um die Atacamawüste und dortige Nitratverkommen (Salpeter) Konfliktgegenstand waren, sind viele Peruaner und Bolivianer auf die Chilenen nicht gut zu sprechen. Wir trinken etwas in einem Künstlercafé und gehen dann in ein Künstleratelier, in dem allerlei interessante und manchmal auch hübsche Dinge zu stattlichen Preisen verkauft werden. Dann fahren wir mit dem Bus zurück nach Jesus Maria. Zwei Typen in Batikshirts und Afro-Frisur unterhalten uns musikalisch, fast so wie in der S-Bahn in Berlin, nur besser und irgendwie authentischer. Aber als Tourist freut man sich sowieso mehr über Musiker in öffentlichen Nahverkehrmittels als als Einheimischer.

Wir essen mit Marcos Oma, Liz und Uto gemeinsam mittag. Am Esstisch unterhalten wir uns über die Fußball-WM, einem Thema, zu dem ich eigentlich nichts schreiben wollte. Die Peruaner sind wie die Ecuadorianer vollends fußballbegeistert und nach diesem Halbfinalspiel Deutschland gegen Brasilien bleibt mir wohl keine andere Wahl.

Anstatt in die Innenstadt zu fahren, gucken wir also das Spiel. Der einzige Fernseher in der Wohnung befindet sich im Schlafzimmer von Marcos Oma und so sitzen wir alle auf dem Bett und schauen das Spiel. Wir wollten eigentlich nur kurz reinschauen, doch nach dem es in der Halbzeit bereits 5:0 für Deutschland stand, haben wir es doch noch zu Ende geguckt. In der Halbzeitpause kommt Selin aus der Schule. Sie trägt wie alle Kinder in Peru Schuluniform, die meiner Meinung nach noch förmlicher ist als die in Ecuador. Nach dem 7:1 Endstand war dann klar, dass dies wohl hier die nächsten zwei Tage Gesprächsthema Nummer eins sein würde. Die Brasilianer hingegen werden von diesem Trauma noch ihren Enkelkindern erzählen.

In der Stadt gibt es metergroße Tafeln, auf denen die aktuellen Spielstände gezeigt werden. Manche Leute fragen uns, woher wir kommen. Wenn wir sagen, dass wir aus Deutschland kommen, werden wir meistens auf die Leistungen und die Spielweise der deutschen Nationalelf angesprochen. Deutschland ist neben Argentinien für viele der WM-Favorit.

Nach diesem historischen Fußballspiel gehen Céline, Marco und ich noch mal los, um die Altstadt von Lima zu besichtigen. Dieser Stadtteil gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe. Wir fahren mit dem Taxi. Marco sitzt vorne und unterhält sich mit dem Taxifahrer über das Spiel. Als der Taxifahrer mitbekommt, dass ich Deutscher bin, meint er zu mir, dass ich jetzt das Doppelte zahlen müsste. War aber nur ein Scherz.

Dann laufen wir durch die Altstadt von Lima, über den Plaza Mayor, an dem sich die San-Francisco-Kathedrale und der Präsidentenpalast befinden. Genau wie die Altstadt von Quito, ist die von Lima nahezu gänzlich im Kolonialstil. Es gibt viele kleine Geschäfte und eine Ausstellung von Titelseiten der Wochenzeitung Carelá, die stets sehr kritisch über die Politik in Peru berichtet. Die Titelseiten sind ähnlich wie die der Titanic satirisch gehalten.

Besonders oft abgebildet ist der ehemalige Präsident Alberto Fujimori, dessen zehnjährige Amtszeit vor allem durch Verletzung der Menschenrechte und Korruption gekennzeichnet war. Nach seiner Amtszeit floh er nach Japan, um einer Haftstrafe zu entgehen (er ist japanischstämmig), sitzt mittlerweile aber in Peru im Bau. Angeblich soll Indigenes zwangssterilisieren haben lassen. Seine Tochter Keiko Fujimori ist in Peru als Politikerin aktiv und sitzt im Parlament und setzt sich dort aktiv für die Wiedereinführung der Todesstrafe ein. Eine ähnliche Vater-Tochter-Konstellation wie in Italien mit Benito Mussolini und seiner Tochter Alessandra oder in Frankreich mit Jean-Marie und Marine Le Pen.

In der Nähe vom Präsidentenpalast, am Rio Rimac, mache ich ein paar Langzeitbelichtungen vom Berg San Cristobal. Weil das ziemlich lange dauert und ich mehrere Versuche brauche, sieht das für eine Palastwache etwas suspekt aus und er fragt mich nach meinem Pass und woher ich komme. Einen Pass habe ich nicht dabei, ich sage, dass ich aus Deutschland komme und zeige ihm die Fotos. Dann ist er beruhigt.

Wir laufen noch durch die Fußgängerzone und stöbern in einigen Buchläden. In einem Buchladen gibt es sogar ein gebrauchtes Buch auf deutsch, „Märchen aus 1001 Nacht“. Dann gehen wir durch einen Park, in dem alte Olivenbäume stehen, die im 16. Jahrhundert hier angepflanzt wurden. Zu Fuß gehen wir zurück nach Jesus Maria, wo wir heute wieder bei Liz und Uto zu Abend essen. Unterwegs kaufen wir noch eine Flasche Wein und ich suche mir noch ein Bier aus.

Das Bier bereitet an der Kasse aber Probleme, weil ich es mir einfach aus dem Kühlschrank genommen habe und zudem keinen Pfand dabei habe. Das gibt eine Diskussion und sogar die geduldigen Peruaner hinter uns, fangen an sich zu beschweren. Aber irgendwie wurde das Problem dann doch noch gelöst und wir konnten das Bier bezahlen. Die Kassen sind hier sogar noch langsamer als in Frankreich. Mit den europäischen Geflogenheiten kommen die Peruaner scheinbar nicht zurecht. Das kann man ihnen aber nicht verübeln.

Zum Abendessen gibt es köstlichen Ceviche, Papa de Huancaina und leckere Beilagen. Als Aperitif trinken wir einen schmackhaften Cóctel de Algarrobina, einem Cocktail mit den Früchten des Johannisbrotbaums, der etwas an Eierlikör erinnert.

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