Machu Picchu, Tag 42

Man muss früh losgehen nach Machu Picchu, wenn man von dort noch den Sonnenaufgang erleben will. Wir stehen um vier Uhr auf, um uns eine halbe Stunde später zu Fuß auf den steilen Weg nach Machu Picchu machen zu können. Der Frühstücksraum im Hostel ist überfüllt mit Pfadfindern in uniformer Kluft. Wir verschlingen schnell stehend unser Frühstück, kippen schnell den Kaffee bzw. Tee hinter Binde und dann gehen wir los. Draußen ist es noch dunkel und die Straße nach Machu Picchu nur zum Teil beleuchtet. Erst einmal geht es ohne größere Steigung zu einer Brücke, an der unsere Tickets geprüft werden. Dann geht es den Wanderpfad hinauf. Der Weg hoch ist höher und schwieriger als erwartet. Es fühlt sich an wie Treppensteigen in einem Wolkenkratzer. Machu Picchu liegt mit 2390m über dem Meerespiegel 280m höher als Aguas Calientes.

Auf dem Weg nach oben wird es heller, die Venus scheint hell am Himmel. An jeder Biegung hoffe ich, dass es die letzte sein wird. Doch irgendwann erreichen wir den Eingang nach Machu Picchu, an dem bereits Scharen von Touristen in der Schlange stehen. Die, die mit dem Bus hochgefahren wurden, sind natürlich früher da und erholter. Wir hingegen sind schweißnass.

Die Stadt wurde um 1450 errichtet, doch ihr ursprünglicher Name und Zweck sind bis heute ein Rätsel. Entdeckt wurde die Stadt im späten 19. Jahrhundert, doch weltbekannt wurde sie erst 1913 nach dem die Zeitschrift National Geographic ihr eine gesamte Ausgabe widmete. Zwei Jahre zuvor hatte Hiram Bingham die Stadt auf einer Expedition wieder entdeckt. Schätzungen zu folge konnte die Stadt etwa 1000 Menschen beherrbergen, bei der frühen Erforschung fand man hier etwa 100 Skelette.

Es gibt Touristen aus aller Herren Länder; aus China, Japan, den Niederlanden, Frankreich, Argentinien, Russland, Deutschland. Doch am auffälligsten sind die vielen Gruppen Halbstarker Amis, die sich durch ihr hormongeschwängertes Verhalten lautstark bemerkbar machen.

Dann müssen wir uns in  eine der drei Schlangen stellen. Es geht langsam voran und wir bangen um den Sonnenaufgang. Doch die Sonne lässt sich bei ihrem Aufstieg über die Berge noch etwas Zeit. Es ist richtig kalt, wir kühlen ab und frieren. Wir steigen auf den Haupttempel, um zu sehen, wie sich die Sonnenstrahlen über die Berge verstreuen und die Landschaft erhellt wird. Als die Sonne es über die steilen Felsen geschafft hat, wird es auch schnell wärmer. Das Gelände ist sehr gepflegt, es liegt kein Müll herum und die meisten Leute halten sich auch an den Abfallverbot.

Doch bevor wir uns das Weltkulturerbe aus der Nähe anschauen, geht es noch einmal 240m hoch Treppensteigen auf den nahegelegenen Berg Huayna Picchu, von dem wir die Inka-Stadt wunderbar aus der Ferne begutachten können. Dafür müssen wir wieder Schlange stehen, denn es gibt zwei Gruppen für den Aufstieg, eine von sieben bis acht Uhr und eine von zehn bis elf.

Wir sind nach der Pause vom Sonnenaufgang wieder fit. Nach dem wir die Laguna 69 geschafft haben, ist dieser Aufstieg ein Klacks. Eine US-Amerikanerin, deren etwa vierzigjähriger Körper ausgiebig von McDonald’s geformt wurde, hat sich aber vorsichtshalber eine Sauerstoffflasche mitgenommen.

Der Ausblick von hier oben ist atemberaubend. Diese steilen, mit Bäumen bewachsenen Berge und mittendrin dieses historische Monument. Man kann die Serpentine für die Touri-Bussi und die Brücke, an der wir vorhin zum ersten mal unser Ticket zeigen müssen, erkennen. Die Brücke liegt etwa 520m unter uns. Wenn man Machu Picchu von hier beobachtet, kann man immer wieder Leute sehen, die bei vollem Sonnenschein mit Blitzlicht fotografieren. Vielleicht macht das bessere Fotos. Mir fällt auch auf, wie viele Leute mit ihren Tablets Fotos machen. Ich für meinen Teil bringe das nächste Mal meinen Full-HD-Fernseher mit der integrierten Webcam mit, um damit meine Anwesenheit auf Machu Picchu für die Nachwelt festzuhalten. Als wir wieder unten in der Inka-Stadt ankommen, ist bereits voller geworden. Mitarbeiter des Monuments weisen auf Anhöhen stehend den Weg um Gedrängel in den schmalen Wegen zu vermeiden.

Insgesamt hier alles sehr restriktiv, was aber verständlich ist. Vor ein paar Jahren wurde die Zahl der Besucher pro Tag auf 2000 begrenzt, um die Stätte zu schonen. Die UNESCO fordert, die Zahl der Touristen gar auf 800 pro Tag zu beschränken. Schilder mit Erklärungen gibt es auf dem gesamten Gelände keine, denn dafür soll man sich ja einen Guide organisieren. Man kann aber auch einfach bei den anderen Guides mithören, denn für die vielen Touristen auf dem Gelände gibt natürlich auch entsprechend viele Guides. Dafür werden Lamas als Touristenattraktion auf dem Gelände gehalten, darunter auch viele kleine und ein Neugeborenes, das noch kaum laufen kann.

Wir sehen eine Gruppe Argentinier, alle in Trikots der argentinischen Nationalelf und mit Fahne. Sie bereiten sich jetzt schon auf das Finalspiel der Fußball-WM Deutschland gegen Argentinien vor. Die Gruppe wird uns heute noch mehrmals begegnen. Richtung Ausgang hält ein Typ einen Schal mit der Aufschrift „Santos“ (wahrscheinlich ein Fußballverbein) hoch und lässt sich fotografieren und wird dafür von den Guides ermahnt. Ist ja auch selten dämlich, aber es geht hauptsächlich darum, dass er das Foto mit Machu Picchu nicht für seinen Verein verwenden darf.

Der Abstieg ist etwas einfacher, dafür laufen wir in prallen Sonne und die Touristenbusse wirbeln immer reichlich Staub auf. Wir kommen ausgelaugt mit leerem Magen und trockener Kehle um 13 Uhr in Aguas Calientes an.
Das Essen in Aguas Calientes ist schäbig und teuer, was vornehmlich daran liegt, dass die meisten Touristen hier nur eine Nacht verbringen. Wir probieren das Menü für 20 Soles, das so ziemlich günstige, was man hier abstauben kann. Dafür bekommt man einen übersichtlich Salat auf einer Untertasse, eine fade Tomatensuppe, eine dreiviertel Portion Spaghetti und ein halbes Glas Jugo; immerhin. Auf die 20 zwanzig Soles kommen dann noch sechs Soles Servicegebühr obendrauf.

Wir haben noch den halben Tag, denn unser Zug fährt erst um 21:30 nach Ollantaytambo zurück. Zeit, um das Endspiel Deutschland gegen Argentinien zu gucken. Wir gehen dazu in ein Restaurant voller Argentinier. Die Gruppe, die wir bereits zuvor in Machu Picchu getroffen haben, sitzt hinter uns und grölt während des Spiel lautstark mit. Wir sind also in der absoluten Minderheit. Ein Peruaner, der für Deutschland ist, sitzt mit uns am Tisch. Als Miroslav Klose ausgewechselt wird, buhen die Argentiner hinter und ich drehe mich mit skeptischem Blick um. Dann wissen sie, dass wir aus Deutschland kommen. Zu Ende der regulären Spielzeit, als es immernoch 0:0 steht, befestigt ein Argentinier ein „Vamos Argentina“-Pappschild mit der Aufschrift mit Klebeband unter dem Fernseher.

Doch das Schild hält nicht lange, es fällt herunter. Das ist Zeichen, denn fünf Minuten später fällt das Tor für Deutschland. Nachdem Spiel gratuliert mir einer der schon ziemlich angetrunkenen Argentinier, so als ob der WM-Titel meine alleinige Leistung gewesen wäre. Ich sage ihm, das Argentinien auch gut gespielt hat, doch er ärgert sich trotzdem. Jedermann sein eigener Fußball.

Dann gehen wir ins Hotel und schlagen die Zeit mit Breaking Bad gucken tot. Dort stellen wir fest, dass die Argentiniergruppe im gleichen Hotel ist wie wir. Dann begegnen wir ihnen auch noch in der Einkaufsmeile, bevor wir zu Bahnstation gehen. Die Bahnstation ist etwas versteckt, doch wir finden sie schlussendlich.Die Argentinier sind diesmal nicht in unserer Gegenwart. So erschöpft wie ich bin, schlafe ich im Zug sofort ein.

Angekommen in Ollantaytambo, müssen wir noch zu unserem Hostel laufen und wollen dort einfach nur noch in unsere Betten sinken. Doch Pustekuchen. Das Hostel hat geschlossen, niemand ist an der Rezeption, obwohl wir uns für heute Nacht angekündigt haben. Das Hostel liegt am Hauptplatz des Dorfes, wo sich ziemlich viele Straßenköter aufhalten. Fünf von ihnen sind uns auf den Fersen und blaffen uns an. Einer bewegt sich merkwürdig verkrampf, so als hätte er Tollwut. Wir schaffen es, in eine Garage neben dem Hostel zu rennen und die Hunde hinter uns lassen. Von dort kommt man auch in den Innenhof des Hostels. Wir klopfen und rufen, nach ein paar Minuten kommt ein alter Mann völlig entgeistert die Treppe herunter. Er gehört zum Hostel und wir sagen, dass wir eine Reservierung für heute Nacht haben. Er lässt uns in ein Dreibettzimmer, obwohl wir eigentlich ein Doppelzimmer reserviert hatten. Der Preis ist der gleiche. Wir bekommen keine Handtücher, kein Klopapier und keinen Schlüssel. Warmwasser gibt es ebenfalls nicht. Das Bettlaken des dritten Bettes benutzen wir als Handtuch. Doch trotzallem schlafen wir gut.

This entry was posted in Reisen. Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>