Andere Länder, andere Sitten, Tag 55

Nun also sind wir Copacabana, einem kleinen Ort mit knapp 6000 Einwohnern am Titicacasee. Hier ist auch die Bolivianische Marine beherrbergt. Ich finde, ein Binnenstaat mit Marine ist wie ein Fisch mit Fahrrad.

Neben seiner Funktion als Hafenstadt ist Copacabana auch ein bedeutender Wallfahrtsort. Und das bekommen wir sogleich zu spüren, als wir vor die Tür treten. Die gesamte Hauptstraße und einige Seitenstraßen des Ortes ist vollstopft mit geschmückten Autos. Bolivianische Autotaufe ist angesagt.

Es gibt zwei Priester, die mit Weihwasser gefüllten Plastikeimern und Aspergill ausgestattet den Autos, den Fahrern und deren Familien Segen spendet und sie mit Weihwasser besprenkeln. Auf die Autodächer sind bunte Papphüte geklebt und sind rundum mit Blumen und Girlanden geschmückt. Blütenblätter werden über die Autos gestreut, über die sich sogleich die Tauben hermachen. Nach der Segnung durch den Priester wird Bier und Sekt auf die Autos gespritzt, vor der Motorhaube werden Knallfrösche gezündet. Danach hat man die Lizenz, um zu fahren wie ein Chaot, denn Unfälle können jetzt ja nicht mehr passieren.

Diese Art von Bräuchen kommt aus der Synthese zwischen Inka-Glauben und Katholizismus, genannt Synkretismus, die sich vor allem unter dem indigenen Präsidenten Evo Morales noch mehr verstärkt haben.

Neben der Autotaufe befindet sich die maurische Basilika, die die aus dem dunklem Holz geschnitzte Marienfigur Virgen de Copacabana beherrbergt. Vor allem wegen dieser Figur ist Copacabana ein Wallfahrtsort und ihr werden viele Wunder zugeschrieben.Während nebenan das Geld in Form von Feuerwerkskörpern und Sekt verpulvert wird und Pfarrer sich engagiert und jedes Auto kümmern, sitzen hier vor der Basilika kranke, alte Frauen und betteln. Wie war das nochmal mit der Nächstenliebe?

Nach dem Autotauf-Spektakel frühstücken wir wie die Könige, oder besser, wie die Wessis in Ungarn vor dem Mauerfall. Für umgerechnet drei Euro bekommt man ein Heißgetränk seiner Wahl, drei Brötchen mit Marmelade, eine große Schale Müsli mit Joghurt und einen Orangensaft.

Fast direkt in Copacabana gibt es einen Berg, den Cerro Calvario, ebenfalls ein Wallfahrtort, an dem man Wünsche erfüllt bekommt. Auf dem kopfsteingepflasterten Weg nach oben gibt es alle zehn Meter ein steinernes Kreuz, auf das man einen Kiesel legen und sich anschließend bekreuzigen muss. Der Gipfel des Berges liegt etwa 100m höher. An der Spitze angekommen, kann man den Ausblick genießen und eine Kerze anzünden oder eine Blume pflanzen, damit der Wunsch in Erfüllung geht. Damit das In-Erfüllung-Gehen (insbesondere bei materialistischen Wünschen) noch weiter beschleunigt oder gewisser wird, kann man sich an den zahlreichen Ständen eine Miniaturausgabe seines Wunschobjektes kaufen. Zum Beispiel ein Matchbox-Auto oder ein kleines Haus aus Plastik. Dann muss man auf den Wunsch auch noch ein Glas Sekt oder ähnliches Alkoholisches trinken, meist mit der ganzen Familie.

Doch trotz der Heiligkeit dieses Ortes und der Verehrung von Pachamama, Mutter Natur, nehmen es die Bolivianer mit der Müllentsorgung nicht so genau. Die Plastikbecher aus denen Sekt getrunken wurde und die Bierflaschen werden einfach den Abhang heruntergeworfen, obwohl es ein Stück weiter oben einen Mülleimer gibt, an dem man beim Abstieg ohnehin vorbeiläuft. Ein Bolivianer hat zwei Plastikbecher und eine Bierflasche in der Hand, guckt mich an und wirft währenddessen seine Wunscherfüllungsutensilien schnurstracks den Berg hinunter. Mit der insgeheimen Begründung, wenn die anderen das so machen, dann darf ich das schließlich auch. Dadurch ist der ganze Hang voller Plastikbecher, Glasflaschen und ähnlichem Gelumpe. Der nördliche Teil des Bergs sieht aus wie eine Müllkippe. Durch die Glasscherben, die Sonne und den fehlenden Niederschlag brennt das trockene Gras auch gerne mal.

Wenn man einen Ort für heilig erachtet, warum behandelt man ihn dann so? Zu mal die Bolivianer neben ihrer Frömmigkeit auch beim Thema Nationalstolz ganz vorne mit dabei sind. Wer verdreckt denn bitte absichtlich sein Land, auf das er angeblich so stolz ist? Oder geht hier tatsächlich nur um das eigensinnige, materialistische Hoffen, dass einem hier ein Wunsch erfüllt wird? Übertönt die Stimme der Gier wieder einmal die der Vernunft? Moment, Katholizismus und Vernunft!? Dieses ganze Brauchtum ist so dermaßen unaufgeklärt, irrational und unsinnig, dass ich von den ganzen Widersprüchen und Fragen Kopfschmerzen bekomme. Man tickt hier eben etwas anders. Mit dem Andersticken werden wir ein paar Tagen nochmal wortwörtlich kontrontiert werden.

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