Stadttour in La Paz, Tag 59

So kalt wie gestern war es noch nie, meint Daysi zu uns am Frühstückstisch. Doch heute ist perfektes Wetter für eine Stadttour: Blauer Himmel ohne Wolken und etwa 16°C.

Der Bus ins Zentrum fährt direkt vor Daysis Haustür. Sie wohnt in einem Wohnhochhaus mit zwölf Etagen, unten an der Tür gibt es einen Pförtner, in der unteren Etage befinden sich Arztpraxen, Büro und Geschäfte.

Im Minibus geht es ins Zentrum. An der Hauptstraße verkauft jemand ein Extra-Blatt über die Salar de Uyuni. Wir denken zunächst, die Artikel handeln von den Straßenblockaden, die eine Ein- und Ausreise in den letzten Wochen erschwerten bzw. sogar unmöglich machen. Davon wurde uns in den letzten Tage gehäuft von anderen Reisenden berichtet. Es ging wohl um einen sich im Bau befindlichen Busbahnhofs, über dessen Lage sich die Regierung und das Dorf Uyuni heftig streiten. Doch aus der Zeitung erfährt man davon nichts.

Auf dem Plaza Mayor herrscht ein Getümmel von Menschen. Ein Mann versucht mir ein Fossil zu verkaufen. Wir gehen in die San-Francisco-Kirche, deren religiöse Ästhetik uns aber kalt lässt. Fast jede größere Stadt in Peru, Bolivien oder Ecuador besitzt ein San-Francisco-Kirche, die zu Ehren von Franz von Assisi errichtet wurden. Franz von Assisi lebte nach dem Vorbild von Jesus Christus und wird von der römisch-katholischen Kirche als Heiliger verehrt. Der aktuelle Papst Franziskus hat sich nach Franz von Assisi benannt.

Die Calle Sagarnaga an den zahlreichen Geschäften entlangschlendernd, gehen wir ins Coca-Museum. Dort bekommen wir am Empfang je ein Heft in unseren Muttersprachen in die Hand gedrückt, das die Beschreibungen für die Ausstellungsstücke enthält. Mein Heft auf Deutsch liest sich ganz gut, aber zwischendurch kommen im Text Sätze, die Deutsch sein sollen, aber eher aussehen wie Buchstabensalat.

Ein getrocknetes Coca-Blatt enthält bis zu 2,5% Kokain. Das Kauen der Blätter macht nicht abhängig, ist aber anregend und ein Heilmittel gegen die Höhenkrankheit, da es die Sauerstoffzufuhr verbessert. 1859 wurde erstmals reines Kokain aus der Pflanze isoliert. Kokain avancierte vom Schmerzmittel zur Droge.

Aufgrund des enthaltenen Kokains ist die Geschichte des Coca-Strauchs ist von Verboten und Erlassen geprägt. Bereits zur Zeit der Inkas war das Kauen von Coca-Blättern weitverbreitet, bis es im Zuge der Missionierung durch die Spanier verboten wurde. Dann wurde es aufgrund der Entdeckung von Gold und Silber zur Leistungssteigerung der Minenarbeiter wieder erlaubt und 1946 später durch die Vereinten Nationen streng verboten, zu Leiden der Cocaleros, der Coca-Bauern. Im Jahr 2005 wurde der Cocalero Evo Morales zum Präsidenten des Landes gewählt, der sich nachhaltig für die Coca-Bauern einsetzt und die Anbaufläche von 12000 auf 20000 Hektar vergrößert. Riesige Plakate mit seinem Gesicht für das Bewerben von Regierungskampagnen sind großzügig auf den Häuserflächen der Stadt verteilt. Er wirkt ein bisschen wie ein wohlwollender Diktator.

Nach dem kleinen, leider etwas überfüllten Coca-Museum gehen wir zum Plaza Murillo, auf den sich die Indigene Bevölkerung erst nach der Wahl von Evo Morales hingewagt hat. Vorher war er für diesen Teil der Bevölkerung tabu. Auf dem Platz fühlen sich tausende von Tauben heimisch.

Im Präsidentenpalast, das den höchsten Regierungssitz der Erde darstellt (Quito ist die höchste Hauptstadt), befindet sich im Glockenturm eine Uhr, die in die entgegengesetzte Richtung läuft, um sich vom spanischen Kolonialerbe zu lösen. . Dies ist eher eine symbolische Geste, denn immerhin sind hier 80% der Bevölkerung katholisch bzw. knapp 20% protestantisch und Spanisch ist die verbreiteste Sprache.

Essen gehen wir in einem indischen Restaurant, in dem es das angeblich schärfste Curry der Welt gibt (ein Türke soll es laut Speisekarte wohl in 48 Sekunden verputzt haben).

Danach gehen wir ein bisschen auf Shopping-Tour und müssen dafür noch Geld holen. Aber kein Geldautomat funktioniert, weil die Scheine knapp sind. Trotzdem wacht vor fast jedem Automaten ein Polizist mit Schrotflinte und kugelsicherer Weste.

Auf dem Nachhauseweg kommen wir in die Rush-Hour und es geht nur im Schritttempo voran. Jeden Tag stirbt die Stadt den Verkehrsinfarkt. Abgasfilter sind auch in Bolivien kaum verbreitet. Die zahlreichen Malereien in dem Tunnel, durch den wir fahren, sind fast komplett schwarz vor Ruß.

Céline und ich spinnen den Gedankenspiel weiter, wie es hier aussähe, wenn dieses Land nicht kolonialisiert worden wäre. Vermutlich nur Natur und ein paar Indianerstämme. Und wir wären nicht hier, sondern im Mittelalter.

Abends gehen wir bei Daysi um die Ecke noch eine Pizza essen. Während wir auf unsere Riesenpizza warten, schauen wir auf die Glotze. Dort läuft auf einem Fernsehsender, der sich Bolivision nennt (ich möchte auch einen Sender in Deutschland, der “Schlandsehen” heißt), eine Telenovelas, in denen zu alte Männer mit graumelierten Haaren auf der Brust zusammen mit zu jungen, aufgetakelten Mädchen im Bett liegen.

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