Retromoderne, Tag 61

Vom Frühstückstisch aus hat meinen Panoramablick aus dem Fenster. Direkt vor dem Wohnhaus, in dem wir uns befinden, wird gerade ein weiteres Wohnhaus gebaut, nach bolivianischer Bauart.

In dieser Bauvariante sind keine Kräne oder sonstige größere Maschinen (Zementmischer ausgenommen beteiligt). An den Stellen, wo die späteren Zementpfähle stehen, werden zunächst Stahlstangen gezogen, die anschließend mit Holzplatten verkleidet und zum Schluss mit Zement aufgefüllt werden. Die Verfahrensweise, um eine plane Ebene zu bauen, ist ähnlich. Ist der Zement getrocknet, werden die Holzplatten entfernt. Ein zwölfstöckiges Haus zu bauen, kann dann auch schon mal ein paar Monate dauern. Die Arbeiter schaukeln dabei gerne mal ungesichert 30m über dem Boden. Die Unfallrate ist dementsprechend hoch.

Nach dem wir am Busbahnhof für die morgige Fahrt keine Tickets bekommen haben, gehen wir zum Mirador, um nach einmal einen Blick über den Talkkessel zu werfen. Das Viertel, durch das wir durch müssen ist nicht sehr vertrauenserweckend und wir sputen uns, um so schnell wie möglich dort hoch zukommen. Oben sitzt eine Afro-Bolivianerin, die laut Selbstgespräche führt.

Auf dem Markt wollen wir noch einmal Api con Pastel essen und Jugo trinken. Das Marktgebäude ist ein architektonisches Desaster. Angeblich hat sich die Mehrheit der Beteiligten Leute vom Projekt verabschiedet und der Bürgermeister hat den Koloss auf eigene Faust fertigbauen lassen, weil der Markt wegen des starken Wachstums der Stadt dringend benötigt wurde. Vom Stil her handelt es sich um ein modernes Gebäude, dass deshalb und wegen seines Alters – der Markt wurde vor sechs Jahren eröffnet – irgendwie rückständig wirkt, irgendwie retromodern. Nackte Zementwände treffen auf buntlackierte Geländer und wie Garagentore aussehende, geschlossene Marktstände. Im unteren Bereich gibt es Beete, auf denen wegen mangelnden Lichteinfalls nichts wächst und generell ist es im Gebäude relativ dunkel. Ein Etagensystem ist zwar theoretisch per Wegweiser ausgeschildert, ist aber in der Praxis nicht zu erkennen. Stromkästen stehen frei herum. Statt Treppen gibt es nur Rampen, aber das ist ja eigentlich gut für die Barrierefreiheit. Und das wird nur mit Wasser aus Flaschen zubereitet, damit die Touristen keine Magen-Darm-Probleme bekommen, denn im Leitungswasser lauert ein Bakterium, dass an die Höhe angepasst ist und gegen das ein europäisches Immunsystem keine Chance hat.

Wir verpassen die Free-Tour-Führung, weil die Frau in der Touristeninformation uns eine falsche Uhrzeit genannt hat. Die Touristeninformationen sind deutlich schlechter aufgestellt als in Peru, in vielen Städten gibt keine offizielle Information, sondern nur unter dem Decknamen Touristeninformation getarnte Reiseagenturen, die ihr eigenes Zeug bewerben. Wir treffen die Führung etwas später auf dem Plaza Mayor, aber da war die Gruppe schon gut zwei Stunden unterwegs. Das ärgert uns, vor allem wir keine Erklärung zum San-Pedro-Gefängnis bekommen. Aber das kann ich ja später auch auf Wikipedia nachlesen.

Und weil ich es so spannend finde, gebe ich an dieser Stelle mal eine kurze Erläuterung. Im San-Pedro-Gefängnis mit seinen 1500 Insassen gibt es ein eigenes Gesellschaftssystem, ähnlich wie in einem Dorf. Die Wirtschaft und Warenverkehr ist weitgehend den Häftlingen überlassen. Es gibt reichere Häftlinge, die mehrere Zellen besitzen und diese an weniger reiche Häftlinge vermieten. Reiche Häftlinge können sich sogar Zellen mit privatem Badezimmer, Kabelfernsehen und Küche leisten. Manche Häftlinge leben dort mit ihren Kindern.

Das Gefängnis verfügt über mehrere Sektoren, die wie kleine Dörfer mit Märkten und Dienstleistungen agieren. Jeder Sektor verfügt über ein Kommittee, eine Art Dorfrat. Geld wird durch Kokainproduktion (es gibt dort drin Drogenlabore) und Tourismus (der hier eigentlich auch illegal ist) verdient. Für etwa 60$ kann man sich durch das Gefängnis führen lassen, nach einer ausgiebigen Sicherheitskontrolle. Fotos sind verboten.

Außerdem hat Embol, die Firma, der es als einzige erlaubt ist Coca-Cola in Bolivien zu produzieren, einen Exklusivvertrag mit dem Gefängnis. Dieser verbietet andere Cola-Sorten, dafür werden im Gegenzug Geld und Mobiliar zur Verfügung gestellt. Zusätzliches Geld wird durch Sportwetten erzielt. Es ist im Prinzip so eine Art überwachte Anarchie in diesem Gefängnis. Man könnte es auch als eine Art soziologisches Versuchslabor betrachten.

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